Hans-Peter Durst

Beim Fahrrad fahren ist ein guter Gleichgewichtssinn unabdingbar – Hans-Peter Durst beweist das Gegenteil. Nach einem Autounfall hat er in Folge eines Schädel-Hirn-Traumas seinen Gleichgewichtssinn verloren, ist aber Paralympicssieger im Para-Cykeln.

Zunächst ist der Begriff „Schädel-Hirn-Trauma“ ein Oberbegriff für verschiedene Kopfverletzungen, bei denen es zu Funktionsstörungen und Verletzungen des Gehirns kommt. Auslöser dafür sind äußere Ursachen wie z. B. Autounfälle. Je nach Schwere der Verletzung unterscheidet sich der Genesungsverlauf und auch die Folgeschäden fallen individuell aus. Hans-Peter Durst hat z. B. auch ein nach links eingeschränktes Gesichtsfeld, Schwierigkeiten bei der Orientierung und fokale epileptische Anfälle. Bei fokaler Epilepsie geht der Anfall von einem Herd, also einem kleinem Teilbereich des Gehirns aus. Daher können sich die Symptome bei fokaler Epilepsie massiv unterscheiden. Hierbei wird außerdem zwischen „einfachen“ und „komplexen“ Anfällen unterschieden. Bei einfachen Anfällen ist der Betroffene bei Bewusstsein und erlebt seinen Anfall. Sind die Anfälle jedoch komplex, ist auch das Bewusstsein des Betroffenen getrübt.

 

Hans-Peter Durst aber läuft Marathons, hat mit dem Fahrrad die Alpen überquert, sich mit 63 Jahren auf die nächsten Paralympics vorbereitet, hält Vorträge und

setzt sich für Inklusion ein. Am 17. Mai 2021 gab Hans-Peter bekannt, aus

Solidarität zu Japans Bevölkerung bei den paralympischen Spielen in Tokio nicht 

                                         Diagnose: Ausdauer – Aufgeben gibt es nicht!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

an den Start zu gehen. Zunächst stehen im Juni 2021 unmittelbar die Europameisterschaften und die Weltmeisterschaften bevor. Wenn es möglich ist, wird Hans-Peter auch in Paris 2024 dabei sein.

Im Interview erzählt uns der zweifache Paralympicssieger von der Zeit nach dem Unfall und seinen Erfahrungen mit ÄrztInnen und erklärt uns außerdem wie er Sport betreibt.

 

Hallo Hans-Peter, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für uns und unsere Fragen nimmst. Vor mehr als 25 Jahren, 1994, hattest Du einen Unfall. Welche Diagnosen sind in Folge dessen gestellt worden?

 

Hans-Peter Durst: Das war am 9. Mai 1994, als ich einen Autounfall mit einem LKW hatte – ein klassischer Autounfall. Mein Hauptproblem war eine Schädelhirnverletzung. Eine Schädelhirnverletzung ist immer etwas Multiples. Übrig geblieben ist bei mir ein Verlust des Gleichgewichtssinns; ich habe nach wie vor auf beiden Augen kein Sehfeld nach links; ich habe leichte fokale epileptische Anfälle – weswegen ich auch nicht Autofahren darf. Ansonsten sind ein paar körperliche Dinge geblieben: ich habe ein schwächeres rechtes Bein aufgrund der Verletzungen, dafür aber auch ein stärkeres linkes Bein – das gleicht sich also aus (lacht). Das sind die Folgen, die übriggeblieben sind. Alles andere haben die Ärzte wieder hinbekommen.

 

Ein Unfall ist immer ein einschneidendes Erlebnis. Wie hat der Unfall Dein Leben verändert?

 

Hans-Peter Durst: Ich war zu diesem Zeitpunkt 36 Jahre alt, mitten im Berufsleben. Damals war ich Geschäftsführer einer mittelständigen Brauerei in Chemnitz; hatte zwei Kinder; die kurz vor der Einschulung standen; Frau, Familie, Sport – das war alles für knapp zwei Jahre außen vor, weil ich in der Reha auch weit weg war. Meine Frau durfte mich nur selten besuchen, weil man bei Schädelhirnverletzungen sehr vorsichtig ist. Im März 1996 wurde ich entlassen und musste mit der Situation zurecht kommen, nicht mehr arbeiten zu dürfen. Es war ein Wegeunfall, sodass die Berufsgenossenschaft mich erwerbsunfähig schrieb – ich durfte meine geliebte Arbeit nicht wieder aufnehmen. Wenn man seinen Beruf gerne ausübt, ist das ein enormer Einschnitt. In unserer Gesellschaft ist es auch ein enormer Einschnitt, weil wir uns über Arbeit definieren. Das hat mich noch lange beschäftigt, sodass ich in neuropsychologischer Behandlung war, weil ich es nicht so richtig verstehen konnte. Die Selbsteinschätzung ist bei Schädelhirnverletzten auch eingeschränkt und ich hatte mich im Vollbesitz meiner Kräfte gefühlt. Aber eine Arbeitserprobung ist dann gescheitert (lacht). Man ist einfach sehr schnell am Ende einer Konzentrationsphase. Dadurch hat sich mein Leben komplett verändert. Ich konnte keinen Sport mehr machen und meine Kinder waren erschrocken, dass ich nun immer zuhause war. Aber auch die Mobilitätseinschränkungen waren gravierend  – ich konnte kein Fahrrad oder Auto fahren. Durch Orientierungsschwierigkeiten durfte ich außerdem keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzen.

 

Wer hat Dich in dieser Zeit unterstützt und wer sind noch Deine größten Unterstützer?

 

Hans-Peter Durst: Meine Berufsgenossenschaft unterstützt mich finanziell hervorragend. Ich habe eine sogenannte Erwerbsunfähigkeitsrente und muss mir daher über das Auskommen keine Sorgen machen – das ist natürlich ein wichtiger Baustein. Alles andere macht meine Familie, insbesondere meine Frau. Sie fährt mich zum Training, zu den Trainingslagern, zu den Rennen. Im Behindertensport bekommen wir leider noch keine Begleitung gestellt, sodass wir dadurch viele Sportler leider wieder verlieren. Sonst habe ich einen guten Freundeskreis, meine Kinder sind mittlerweile erwachsen und begleiten mich auch. Mittlerweile kann ich aber auch öffentliche Verkehrsmittel mit einer Assistenz nutzen und wieder alleine Zug fahren.

 

Insgesamt warst Du 22 Monate in Kliniken. Welche Erfahrungen hast Du während Deines langen Aufenthaltes in Kliniken mit ÄrztInnen gemacht?

 

Hans-Peter Durst: Die erste Zeit war ich im Koma, da war ich sowieso nicht ansprechbar. In der Aufwachphase war ich als Schädelhirnpatient auch noch nicht so wirklich in der Realität angekommen. Am Anfang gehe ich daher davon aus, dass die Ärzte freundlich, nett und hilfsbereit waren, aber eben nicht zu mir, sondern zu meiner Frau und zu meinem Arbeitgeber. Erst danach kommt die Phase, an die ich mich erinnern kann. An das Unfallkrankenhaus habe ich keine Erinnerungen, da ich dort nicht wach war. Später habe ich in der neurologischen Klinik Hessisch-Oldendorf nur gute Erfahrungen gemacht. Dort gab es den Arzt Dr. Gubier – er lebt leider nicht mehr –, der sich für seine Patienten geopfert hat. Gefühlt war er Tag und Nacht bei uns und konnte alle 300 Patienten mit Namen ansprechen. Meine direkte Ansprechpartnerin war eine Neuropsychologin, mit der ich drei bis vier Stunden jeden Tag verbracht habe und die mich sehr herzlich betreut hat. Sie war aber vor allem geduldig, weil ich eher unfreundlich war – ich hatte und habe noch Dauerkopfschmerzen – und in solchen Situationen einfach gegangen bin. Auch in anderen Kliniken habe ich nur freundliche Menschen kennengelernt – vom Empfang über die Therapeuten bis zu den Ärzten. Ich wüsste nicht worüber ich mich beschweren soll, auch nicht über meine Berufsgenossenschaft, die mich immer wieder zu Vorträgen einlädt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hans-Peter Durst: Ich habe zwei maßangefertigte Hilfsstöcke, die ich nur auftippe, um das Gleichgewicht zu halten. Nach einem Marathon tun mir nicht die Füße, sondern vor allem die Schultern weh (lacht). Dadurch bin ich ein eher langsamer Läufer, sodass es mein Ziel ist, im Zeitlimit ins Ziel zu kommen – das sind meistens sechs Stunden. Ich bin aber auch schon längere Läufe gelaufen, weil ich mich gut quälen kann. Ich bin kein guter Sprinter, aber ich habe die Gabe, sehr ausdauernd zu sein. 2013 habe ich z. B. mit dem Dreirad eine Alpenüberquerung gemacht. Ich hätte auch kein Problem gehabt, aufzuhören, aber ich habe es geschafft und habe eben drei Stunden länger gebraucht als andere. Da sagten alle, dass das nicht geht. Geht nicht, gibt es bei mir nicht. Ich habe auch viele Dinge angefangen, die nicht gingen, aber da zieht man Erfahrungen heraus. Meine Mentaltrainerin unterstützt mich dabei auch toll.

 

Als Para-Cycler fährst Du Dreirad und hast damit paralympisches Gold geholt. Was ist an Deinem Fahrrad noch anders als z. B. an meinem?

 

Hans-Peter Durst: 1997 habe ich mit einem handelsüblichen Dreirad angefangen, das einen schweren Rahmen hatte, damit es nicht so leicht umkippt, und einer Spurbreite von 80. Meine Räder sind mittlerweile Hightech-Sporträder, die dementsprechend kosten. Ich habe einen handgemachten Rahmen, der auf meine Körpergröße angepasst wird. Hinten gibt es eine starre Achse, auf die die beiden Laufräder kommen. Mittlerweile habe ich eine Spurbreite von 70 – das muss man natürlich auch fahren können. Vorne kann man ein ganz normales Vorderrad montieren. Dann habe ich ganz normale Scheibenbremsen wie ganz normale Radfahrer. Insgesamt ist das Rad sehr viel tiefer, damit es nicht so schnell kippt. Ich habe kein Carbonrad, sondern Aluminium, weil es mir aus sportlicher Sicht ausreicht. Leider habe ich schon viele Athleten mit Carbonrädern gesehen, die gestürzt sind, weil die Räder einen gewissen Druck nicht mehr aushalten. Ich sage immer, dass mein Rad außerdem auch das schönste Rad ist, da ich es auch immer sehr individuell lackiere. Z. B. war mein Rad für die Paralympics in Rio in den Farben der Paralympics und der brasilianischen Farben. Für Tokio habe ich einen stahlblauben Rahmen mit weißen Elementen genommen.

 

 

„Geht nicht, gibt es bei mir nicht.“

~ Marathonläufe und eine Alpenüberquerung hat Hans-Peter Durst mit diesem Motto absolviert.

 

 

 

Ein Dreirad erscheint zunächst ungewöhnlich. Wie waren und sind denn die Reaktionen Deines Umfeldes auf Deinen Sport?

 

Hans-Peter Durst: 1997 war auf meinem Dreirad hinten ein Körbchen, vorne hatte ich einen geraden Lenker. Da hieß es oft. „Oh, der Mann fährt Dreirad.“ Ich wurde also belächelt. Heute ist es genau das Gegenteil. Wenn ich vorbei fahre, haben alle den Mund offen. Weltweit erlebe ich unfassbar positive Reaktionen. Viele halten mich an, um ein Foto zu machen (lacht). Das Rad sieht dynamisch und sportlich aus, sodass viele wirklich begeistert sind. Es gibt nur positive Reaktionen. Ein Belächeln gibt es gar nicht mehr. Das hat sich also dramatisch verändert.

 

Wie trainierst Du denn eigentlich?

 

Hans-Peter Durst: Wie ein normaler Radrennfahrer auch. Ich habe ganz individuelle Trainingspläne mit einem Langfristplan – Tokio ist also mein längstes Ziel (Anmerkung der Redaktion: nun stehen die Europameisterschaften und Weltmeisterschaften an). Dazwischen gibt es hoffentlich Weltcups. Die meisten Einheiten fahre ich hier in Dortmund, für manche Einheiten fährt mich meine Frau z. B. nach Witten, da es dort eine 5km lange Strecke ohne Kreuzung gibt. Es gibt natürlich auch Bergeinheiten. Meine Frau fährt meistens mit dem Rennrad mit. Ansonsten mache ich Core, also Eigenkörpertraining. Zirkeltraining mache ich viel oder Stabitraining. Zum Ausgleich mache ich gerne Aquajogging – mit einem Gürtel gehe ich meine 1500m im Wasser. Sehr gerne mache ich auch Kundalini-Yoga – das ist eine bestimmte Art Yoga, bei der es auch um Atemtraining und Meditation geht. Regeneration – Dehnen, Stretchen – gehört auch dazu; alles das, was man vielleicht nicht so gerne macht (lacht). Im Winter steht viel Studiotraining, also Krafttraining wie z. B. Beinpressen an. Im Frühjahr werden danach die Grundlagen gelegt. Ich freue mich immer auf Ende Oktober, wenn es vier Wochen Training ohne Rad gibt (lacht).

 

Mit 62 Jahren bereitest Du Dich auf die nächsten Spiele in Tokio bzw. nun in Paris vor. Gibt es in Deinem Sprachgebrauch das Wort „Rentner“ überhaupt?

 

Hans-Peter Durst: Ich bin natürlich der älteste Athlet im deutschen paralympischen Team. Das geht auch nur, weil ich Dreirad fahre und dort die Erfahrung und die Technik ganz wichtig ist. Als Läufer wäre ich nicht mehr konkurrenzfähig. Eigentlich hätte ich meine Karriere nach den paralympischen Spielen im September 2020 schon beendet. Am 4. September wäre mein letztes Rennen gewesen – so war es mit allen abgesprochen. Nun ist alles anders. Ich werde versuchen, mich bis Tokio 2021 zu motivieren und fit zu halten (Anmerkung der Redaktion: Sein Karriereende hat Hans-Peter verschoben). Ich würde nicht sagen, dass ich dann „Radsportrentner“ bin, weil ich schon jetzt so viele tolle andere Aufgaben im Radsportbereich übernehmen darf. Eine Hauptaufgabe ist es sicherlich etwas zurückzugeben, z. B. im Radsportverband NRW oder unserem Radsport Weltverband. Aber sehr ans Herz gewachsen ist mir auch die Botschaftertätigkeit, so bei der Spendenorganisation "VORTOURderHoffnung", bei "KAKS", der "Inklusion braucht Aktion" Arbeit, als Dortmunds Sport-Inklusion-Botschafter und vor allem auch in der aktiven Prävention-und Aufklärungsarbeit für Schädelhirnverletzungen und als Botschafter der Stiftung "save-my-brain“. Die aktive Radsportkarriere wäre dann beendet. Ich muss sagen, dass ich sie gerne schon 2020 beendet hätte, weil der Sport natürlich auch risikobehaftet ist. Eine Epilepsie wird mit dem Alter auch nicht weniger. Da ich ein tolles Netzwerk an Medizinern habe, verlasse ich mich darauf, dass ich es bis Tokio 2021 noch schaffe... (lacht) (Anmerkung der Redaktion: Vielleicht auch noch bis Tokio 2024...)

 

Immer wieder hast Du Deine Stimme erhoben, um darauf aufmerksam zu machen, dass Para-Sportler nicht die gleiche Förderung zu Teil wird wie DOSB-Sportlern. Wie ist mittlerweile die Situation?

 

Hans-Peter Durst: Als ich angefangen habe, fand ich die Unterschiede zwischen DOSB: und DBS-Sportlern noch sehr krass. Da hat sich sehr viel getan, insbesondere der Bundespräsident Gauck hat sehr viel getan. 2012 haben wir z. B. noch weniger als die Hälfte an Siegprämien für Medaillen bekommen. In Rio 2016 haben wir schließlich die gleichen Siegprämien bekommen. Da bin ich mittlerweile völlig d‘accord. Was uns im Radsport fehlt, ist, dass wir an inklusiven Veranstaltungen teilnehmen können. Als die Tour de France in Düsseldorf 2017 mit dem Zeitfahren gestartet ist, habe ich mich sehr dafür eingesetzt, dass auch Para-Sportler einen Wettkampf ausüben dürfen. Aber es ist leider nicht zustande gekommen. Zum Teil dürfen bei kleineren Veranstaltungen Para-Zweiradfahrer mit z. B. eine Amputation starten. Wir Dreiradfahrer sind leider ein bisschen außen vor, da wir anders fahren – wir haben z. B. einen anderen Kurvenradius, weil die Fliehkräfte so sind wie sie eben sind. Was mir noch ein bisschen Sorgen macht, sind die Förderrichtlinien innerhalb des DBS.

 

Was müssen dort noch für Veränderungen umgesetzt werden?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Meine Äußerungen kommen nicht immer so gut an, aber den Freiraum nehme ich mir. Das wird auch sicherlich eine Aufgabe sein, um die ich mich nach meiner aktiven Karriere verstärkt kümmern werde. Dann ist es auch noch einmal anders authentisch.
 

Darüber hinaus hälst Du auch Vorträge zum Thema „Inklusion“. Was geben Dir die Vorträge?

 

Hans-Peter Durst: Es ist eine schöne Abwechselung zum Sportalltag und eine Ehre für mich, dass ich bei einem großen Kongress sprechen darf. Aber es ist eben auch eine Plattform, eine Bühne, um meine Anliegen nach außen zu bringen. Mir geht es um Teilhabe, die wir durch den Sport Menschen mit Behinderung ermöglichen können. Auch Werte wie Respekt und Fairness sind mir wichtig. Diese Werte gelten nicht nur für den Behindertensport, sondern auch für das gesamte Leben. Wenn ich z. B. vor Unternehmern sprechen darf, hören sie gerne meinen sportlichen Werdegang, aber im Nachgang bei einer offenen Diskussion kommen Fragen wie „Wie gehe ich mit schwierigen Entscheidungen um?“ Da können die gleichen Mechanismen wie im Training und der täglichen Motivation und Entscheidung umgesetzt werden. Aber es ist auch einfach cool, wenn man vor hunderten Unfallchirurgen steht und ihnen zeigt, was mit meinem Krankheitsbild alles möglich ist.

2018 gab es aber auch ein sehr einschneidendes Erlebnis. Ich war in Erfurt bei einer Versammlung als Sprecher eingeladen. Vorher bin ich mit meiner Frau durch Erfurt gelaufen und wir treffen Kristina Vogel. Wir wünschen uns alles Gute. In dem Jahr ist es für uns beide schief gelaufen: sie stürzt im Training schwer und ich durfte bei der WM nicht starten, weil ich unmittelbar zuvor einen epileptischen Anfall hatte. Solche Dinge vergisst man eben nie mehr.

Regelmäßig spreche ich z. B. auch beim Verband der seltenen Erkrankungen. Diese Vorträge erden mich und ich werde wieder ganz demütig. Es ist immer wieder spannend, in den Austausch zu kommen und es macht mir einfach große Freude.

 

Für den Weg nach Paris wünschen wir Dir viel Erfolg und hoffen, dass Du mit Deinen Vorträgen und Deinem Einsatz noch viele Menschen erreichst.

 

Bildquellen: Falko Wübbecke (Dortmund) und Helen Canisius

Das Interview führte Katharina Tscheu.

 

 

 

 

 

 

Hans-Peter Durst
Hans-Peter Durst

 

Das ist toll zu hören! Kommen wir zum sportlichen: Du warst schon immer sehr sportlich. Welche Rolle spielt der Sport in Deinem Leben?

 

Hans-Peter Durst: Ich komme aus einer Familie, in der wir immer alle Sport gemacht haben. Mein Name „Durst“ ist im Radsport auch mit anderen Vornamen bekannt. Ich habe früh Tischtennis gespielt, später habe ich Tennis gelernt, in Chemnitz war der Golfsport vorrangig – das war vom Brauereichef verlangt. Ich hatte schon während meiner Traineezeit immer ein Fahrrad im Auto. Nach dem Unfall kam dann der Para-Sport. Freunde haben mich zum Para-Triathlon gebracht, was mir eher Mühe gemacht hat, da ich kein guter Schwimmer bin. Der Spaß am Event war immer groß. Mit zwei Hilfsstöcken haben sie mich auch zum Laufen gebracht. Meine Lauf- und Schwimmzeiten waren unterirdisch, aber ich bin immer ins Ziel gekommen. Einen Mitteldistanztriathlon habe ich im Para-Bereich sogar als deutscher Meister abgeschlossen. Aber es hat immer Freude gemacht und das sollte auch im Vordergrund stehen. Leider wird auch im Para-Sport der reine Leistungsgedanke in den Mittelpunkt geschoben. Sicher sind Ergebnisse auch wichtig, aber für mich ist die Teilhabe wichtiger. Für mich ist durch den Sport eine neue soziale Teilhabe entstanden

 

Du hast Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht, fährst aber Fahrrad, läufst Marathon und startest als Triathlet. Wie funktioniert das?

 

 

 

Hans-Peter Durst: Meiner Meinung müsste man die Förderungen an den Bedarf anpassen. Wir haben Sportarten, die kosten richtig Geld. Mein Rad kostet ca. 17 000 Euro, davon brauche ich mindestens zwei Stück (ein Zeitfahrrad und ein Straßenrad und im besten Fall noch ein Trainingsrad).

Beim Kugelstoßen brauche ich hingegen nur eine Kugel, die auch noch der Verein stellt. Allerdings bekommt ein Para-Kugelstoßer dennoch die gleiche monatliche Förderung wie ein Dreiradfahrer. Ich brauche darüber hinaus eine Fahrassistenz und ein großes Auto für meine Fahrräder. Da sind noch viele Ungerechtigkeiten. Leider sind auch die Eingangsförderungen noch am Alter orientiert. Ich finde, dass man die Förderung am Eintrittsalter in

den Sport und eben nicht am Lebensalter orientiert. Viele Para-Sportler

werden erst im Verlauf ihres Lebens durch einen Unfall oder ein Krebsleiden zu Para-Sportlern. Da arbeiten wir aber jetzt dran, dass wir Wege finden, um eine fairere Gestaltungen zu finden.

Fotografin: Helen Canisius

Fotograf: Falko Wübbecke (Dortmund)

Fotograf: Falko Wübbecke (Dortmund)