Diagnose: Mit Pfeil und Bogen zum Erfolg

Jennifer Heß
Jennifer Heß
Jennifer Heß

Fotograf: Andre Gegg

Konzentrieren Visieren, den Bogen spannen und mitten in die zehn treffen – was einfach klingen mag, ist eine physische und psychische Höchstleistung: Bogenschießen. Jennifer Heß beherrscht diese Höchstleistung. Allerdings hat sie mit dem Bogensport erst nach einem Reitunfall begonnen, zuvor war sie als Schwimmerin schon auf Landesebene erfolgreich. Bei besagtem Reitunfall zog sie sich eine Prellung des Rückenmarks zu, eine Contusio spinalis. Sie gehört zu den gravierendsten Verletzungen des Rückenmarks. Anders als bei einem Querschnitt werden meistens keine Nerven vollständig durchtrennt, dennoch verbleiben häufig neurologische Einschränkung. Je nach Höhe der Prellung sind beispielsweise die Beine nur eingeschränkt beweglich oder auch die Arme betroffen. Bei Jennifer Heß bildete sich auch noch ein Hämatom, also ein Bluterguss, aus, das einige Nervenbahnen irreversibel schädigte. Heute ist sie inkomplett querschnittsgelähmt, was bedeutet, dass sie ihre Beine zwar noch nutzen kann, allerdings nur sehr eingeschränkt.

 

Die Bogenschützin schießt daher im Sitzen. Die Belastung des Oberkörpers und die mentale Belastungsfähigkeit sind dabei aber keineswegs kleiner. Wie die dreifache Mutter ihre Teilnahme an den paralympischen Spielen 2016 in Rio erlebt und warum sie kürzlich auch noch die Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin abgeschlossen hat, berichtet sie uns ausführlich.

Hallo Frau Heß, herzlichen Dank, dass Sie sich für unsere Fragen zur Verfügung stellen. Zu Beginn interessiert mich als Medizinstudentin natürlich der medizinische Hintergrund. Bei Ihnen habe ich gelesen, dass Sie einen Reitunfall hatten.

 

Jennifer Heß: Genau. Ich hatte eine Prellung der Wirbelsäule. Dadurch bildete sich ein Hämatom, wodurch Nerven kaputt gingen, die sich leider nicht wiederfanden. Ich habe also einen inkompletten Querschnitt. Das heißt, dass ich mich wenige Schritte auf den Beinen halten kann, aber ich mache eigentlich alles mit dem Rollstuhl.

 

Welche Erfahrungen haben Sie in der Zeit im Krankenhaus mit ÄrztInnen gemacht?

 

Jennifer Heß: Was mich im Krankenhaus sehr gestört hatte, war, dass der Arzt zu mir sagte, dass ich in zwei Tagen wieder laufen könne. Eigentlich hätte ich mit meiner Diagnose auch wieder laufen können müssen, es ist aber nie passiert – warum auch immer. Ansonsten bin ich an sehr viele Mediziner geraten, die sehr einfühlsam waren. Auch bei den Medizinstudenten war niemand dabei, bei dem ich dachte, dass er oder die die Berufswahl verfehlt hätte.

 

Mit dem Unfall hat sich Ihr Leben verändert. Wie sind Sie mit der neuen Situation umgegangen und zurecht gekommen?

 

Jennifer Heß: Wenn andere mich beschreiben würden, würden sie mich sicherlich als sehr positiv beschreiben. Ich sagte recht schnell, dass ich das beste daraus machen muss. Auch wenn ich vielleicht nicht so aussehe, war ich auch vorher schon immer sehr sportlich. Beim Schwimmen war ich im Jugendkader von Schleswig-Holstein und war dort sehr erfolgreich. Später war ich laufen und walken und radfahren. Als Lehrscheininhaberin bildete ich auch im Schwimmen und Retten aus. Nach dem Unfall überlegte ich, welchen Sport ich machen könnte, falls ich nicht mehr aus dem Rollstuhl herauskomme. Der erste Anknüpfungspunkt war Rollstuhlbasketball. Das bekam ich aber schon auf zwei Beinen nicht hin, wie sollte ich das denn auf vier Rädern hinbekommen (lacht)? Ich erinnerte mich aber, dass ich in einem Ferienlager mit einem ganz einfachen Bogen auf Scheiben geschossen hatte. Das kann ich auch machen, wenn ich nicht aus dem Rollstuhl herauskomme. Ziemlich schnell nach der Reha hatte ich ich schon 2009 einen Bogen in der Hand. Wenn ich das aber mache, dann auch richtig: ich wollte bei den Spielen 2012 in London dabei sein. Die Qualifikation dazu hatte ich, es war aber dann eine politische Entscheidung auf Verbandsebene, wer zu den Spielen fahren durfte – ich war es nicht. Also sagte ich mir, dass das Wetter in Rio sowieso besser ist und arbeitete dann auf die Qualifikation für diese Spiele hin. Das schaffte ich dann auch.

 

Wie haben Sie Ihre Teilnahme an den paralympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 erlebt?

 

Jennifer Heß: Es war völlig unwirklich, ungreifbar. Aber ich muss sagen, dass ich schon enttäuscht war, dass ich so früh ausschied. Ich wollte vorne mitspielen. Ich wollte gewinnen, sonst hätte ich vermutlich auch gar nicht fahren brauchen. Ich weiß, dass meine Chancen nicht so gut waren, aber es wäre durchaus machbar gewesen. Ich schied leider gegen eine Schützin aus, die normalerweise schlechter war als ich. Das ist eben das Interessante am Bogenschießen: der Wind drückte meine Pfeile herunter. Also setze ich alles auf eine Karte und zielte um das Stück höher, das der Wind herunterdrückte. In diesem Moment ließ der Wind jedoch nach und der Pfeil ging genau dahin, wo ich hingezielt hatte – es war nur leider nicht die Mitte (lacht). Das kostete mich den Eintritt ins Finale.

 

 

Ich finde sowieso, dass der Behindertensport eine große Familie ist.

~ Jennier Heß freut sich darüber, dass sich Para-SportlerInnen

gegenseitig unterstützen und wertschätzen.

Am Fernsehen wirkten die Spiele in Rio bunt, voller Lebensfreude und Spaß. Wie waren die Spiele für Sie abseits des sportlichen Aspektes?

 

Jennifer Heß: Ich finde sowieso, dass der Behindertensport eine große Familie ist. In der Zeit vor dem Unfall im Nicht-Behindertensport empfand ich das nie so. In einem anderen Interview sagte ich, dass die meisten Sportler im Behindertensport ganz großen Mist durchgemacht haben. Die wenigsten sind von Geburt an behindert und selbst die hatten es nicht einfach. Man weiß also, wie es dem anderen geht. Nichtsdestotrotz sind wir im Wettkampf erbitterte Feinde. Dort machen wir uns gegenseitig fertig, weil jeder gewinnen will. Aber hinterher wird geholfen. Bei einer Europameisterschaft kamen die Bögen der italienischen Mannschaft nicht an – da wurde geholfen. Sie haben Zweitbögen erhalten und sie konnten testen, wie sie damit treffen. Ich glaube, dass es das im gesunden Sport weniger gibt als im Para-Sport. Die Spiele in Rio waren wirklich überwältigend. Als ich in das Maracanã-Stadion bei der Eröffnungsfeier einfuhr, jubelten die Menschen nur für mich. Ich glaube, das empfand jeder Sportler so (lacht).

Das stelle ich mir ziemlich beeindruckend vor. Wie sehen Sie denn die Unterschiede in der Wahrnehmung von paralympischen und olympischen Sport?

 

Jennifer Heß: Was ich festgestellt habe, ist, dass die Para-Sportler häufig als „die kleinen Süßen“ belächelt werden. Ich behaupte, dass ich viel mehr tun musste als andere Leistungssportler. Ich musste nicht nur meinen Sport trainieren, sondern auch noch mein Handicap und damit zurecht kommen. Ich glaube nicht, dass der Leistungssportler im gesunden Sport mehr tun muss und deshalb auch mehr Förderung bekommen sollte. Ich musste mindestens das gleiche leisten. Aber wir bekommen deutlich weniger Gelder und Sponsoren. Es sei denn, man ist wirklich herausragend. Das finde ich einfach schade.

 

Bezogen auf die sportpraktischen Aspekte: Wo liegen die Unterschiede zwischen olympischen und paralympischen Bogenschießen? Gibt es sie überhaupt?

 

Jennifer Heß: Ja, die gibt es definitiv. Jemand, der steht, kann sich im Boden ganz anders verankern. Er kann mit den Füßen ganz andere Stellung einnehmen und sich sicherer hinstellen. Zwar kann ich mit dem Rollstuhl auch den Winkel verändern, aber so fein wie im

An welchen Punkten gibt es denn keine Unterstützung und damit Hindernisse in Ihrem Leben?

 

Jennifer Heß: Es gibt ganz, ganz viele Hindernisse und das stört mich ungemein. Eine Sache, weshalb ich mein altes Leben vermisse, ist, dass ich nicht barfuß am Strand spazieren gehen kann. Das vermisse ich wirklich sehr. Ich bin vorher Motorrad gefahren – auch das fällt flach, wobei ich da noch nicht ganz am Ende bin. Da gibt es bestimmt auch noch eine Lösung. Grundsätzlich fängt es aber mit Kleinigkeiten an: vor einigen Geschäfte gibt es keine Rampe, sondern nur Stufen; einige Bordsteine sind angeschrägt, damit das Regenwasser besser abfließen kann – es läuft aber auch der Rollstuhl mit ab. Zu Beginn meiner Ausbildung musste ich eine Gesundheitsbelehrung beim Gesundheitsamt machen. Die konnte ich nicht mitmachen, weil sie im ersten Stock stattfand und es keinen Aufzug gab. Um eine Lösung musste ich mich dann kümmern, aber bestimmt nicht das Gesundheitsamt. Beim Abschluss sagte die Lehrerin, dass ich es der Schule nie gezeigt hätte, dass es an allen Ecken und Enden hakt und ich mich immer um Lösungen kümmern musste. Auch da kommt mir sicherlich das Stehen wieder zu Gute. Ich glaube aber auch, dass ich das einfach will. Das macht es dann möglich.

 

Wie ist es denn im Alltag auf der Straße: wird Ihnen Hilfe angeboten? Oder brauchen Sie diese gar nicht?

 

Jennifer Heß: Die, die mich kennen, wissen, dass ich frage, wenn ich Hilfe brauche. Was mir sehr negativ auffällt, ist, wenn die Leute fragen, ob ich Hilfe brauche, aber dabei schon die Hände an den Griffen des Rollstuhls haben. Mir fehlt die Muskulatur, um die überraschende Bewegung abzufedern und ich knalle mit dem Kopf nach hinten. Wenn man aber erst fragt, kann ich sagen „Nein, danke“ oder „Ja, bitte“ und mich entsprechend darauf vorbereiten. Hier im Ort kennt man mich aber mittlerweile und man weiß, wie selbstständig ich bin.

 

Noch einmal vielen Dank für das spannende Gespräch und weiterhin alles Gute für Sie!

 

Das Interview führte Katharina Tscheu.

Stehen schaffe ich das nicht. Wenn man stabil steht, ist das Stehen wesentlich sicherer. Als ich anfing, schoss ich von einem Hocker aus, womit ich aber nicht wirklich stabil war. Irgendein Trainer fragte mich dann, warum ich denn nicht aus dem Sitzen schießen würde.

Ich wollte das, was ich noch hatte, ausnutzen. Aber ich musste feststellen, dass ich aus dem Sitzen wesentlich besser schieße, sodass ich seitdem aus dem Sitzen schieße. Die Technik an sich ist aber ähnlich. Alles, was aus dem Oberkörper heraus passiert, ist ähnlich: der Zug, das Halten, das Nachhalten. Auch die Bögen sind gleich.

 

Das Leben besteht ja nicht nur aus Sport, sondern auch noch aus mehr, z. B. der Familie. Was haben denn Ihre Kinder gesagt, als die Mama auf einmal in Rio dabei war?

 

Jennifer Heß: Vor Rio bestritt ich auch schon Wettkämpfe – es fing also nicht mit Rio an. 2013 schoss ich meine erste Weltmeisterschaft, da waren meine Kinder elf, zwölf und fünfzehn Jahre alt. Für meinen Sohn war das doof, weil die WM über seinen Geburtstag stattfand. Dennoch habe ich von meinen Kindern immer das Gefühl bekommen, dass sie stolz auf mich sind. Auch mein Mann unterstützt mich besonders: er hat vor allem auch das Finanzielle ermöglicht, da Bogenschießen ein recht teurerer Sport ist. Ohne ihn wäre das gar nicht möglich gewesen. Urlaube sind ausgefallen – mit den Kindern haben wir aber andere Quality-Time gefunden. Seitens meiner Familie bin ich schon sehr unterstützt wurden.

 

Erst vor Kurzem haben Sie die Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin erfolgreich abgeschlossen. Wie verlief die Ausbildung für Sie?

 

Jennifer Heß: Das Bogenschießen ist im Moment leider nicht machbar, da meine Schultern das nicht mitmachen. Auch zeitlich gesehen habe ich mich zuletzt auf die Ausbildung fokussiert. Ich habe auch gerade mit 1,7 abgeschlossen – ein wenig stolz bin ich schon (lacht). Das war schon schwierig. Viele haben gesagt, dass ich diesen Beruf gar nicht ausüben könne. Es ist schon ein Beruf, in dem viel Pflege stattfindet, besonders mit Menschen, die mehrfach schwerst behindert sind. Das forderte mich körperlich schon sehr. Ich glaube aber, dass mir auch dabei wieder der Sport zu Gute kam, weil ich einen gewissen Ehrgeiz habe: ich schaffe das schon. Im letzten halben Jahr der Ausbildung hätte mich mein Orthopäde aber schon gerne herausgenommen. Mir ist dabei auch mein Stehen zu Gute gekommen. Da ich noch ein wenig stehen kann, konnte ich mich neben das Bett stellen und mich dagegen lehnen – die Füße weiter auseinander, die Knie durchgedrückt. Die Klasse hat mich aber auch toll unterstützt. Sie sorgten immer dafür, dass ich überall mitkommen konnte.

Warum haben Sie sich gerade für diese herausfordernde Ausbildung entschieden?

 

Jennifer Heß: Das hängt ein wenig mit einem Kindheitstraum zusammen. Eigentlich wollte ich immer Kindergärtnerin werden. Ich bin nicht getauft – eine von wenigen. In meiner Umgebung gibt es aber nur kirchliche Kindergärten. Dort absolvierte ich auch mehrere Praktika und sie waren wirklich begeistert von mir. Als ich mich bewarb, konnte ich aber die Ausbildung wegen der fehlenden Taufe nicht machen. Meine Mutter sagte dann schließlich, dass ich so viele Brillen kaputt machen würde, dass ich doch Optikerin werden solle. Die Ausbildung zur Kindergärtnerin wurde schließlich ad acta gelegt.

Nach meinem Unfall kaufte ich mir einen Hund. Zusammen mit meiner Hundetrainerin bildete ich ihn zu einem Behindertenbegleithund aus. Irgendwann

kam der zweite und dritte dazu. Eigentlich wollte ich gerne mehr mit meinen 

Hunden arbeiten und machte daher die Ausbildung zur tiergestüzten Therapeutin. Diese Ausbildung ging über ein Jahr, während dieser Zeit merkte ich, dass ich das gerne machen würde – es gibg aber nicht so autark, wie ich es mir vorgestellt hatte. Dazu fehlte mir ein therapeutischer oder ein pädagogischer Beruf. Daher sah ich mich nach einer Ausbildung zur Erzieherin. Zuerst sah ich mich nach einem Kindergarten um, da ich dachte, dass dieser schwieriger zu finden sei als der Schulplatz. Es gab zunächst auch Bedenken, aber nach Hospitationen in drei Gruppen konnten sich das doch alle mit mir vorstellen. Also bewarb ich mich. Allerdings nahm der Teamleiter beiseite. In der Bewerbung hatte ich geschrieben, dass ich mich besonders um die Kinder kümmern möchte, die durch ihren Körper, ihren Geist, ihre Herkunft oder durch ihre Seele es immer schwieriger haben würden als andere Kinder. Der Teamleiter riet mir deshalb zur Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin. Daraufhin bewarb ich mich bei dieser Schule. Ich hatte nicht ganz die Voraussetzungen erfüllt, da man zuvor eigentlich ein einjähriges Praktikum in diesem Bereich machen muss. Aber mein Sohn ist lernbehindert – das war ein Punkt. Schlussendlich war es eine pädagogische Entscheidung der Schule. Auch dabei habe ich von allen Seiten wieder viel Unterstützung erfahren.