Diagnose: Das mache ich nun mit links

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hallo Herr Rehbein, vielen Dank, dass Sie uns Ihre Geschichte erzählen. Es ist noch nicht lange her, im Juli 2018, als Sie einen Unfall hatten. Was ist damals passiert?

 

Ronny Rehbein: Von außen betrachtet sagt man vielleicht: „Wie kann das denn passieren?“ Ich bin Motorradfahrer – ich muss wohl sagen – gewesen. An einem sehr warmen und sonnigen Tag wollte ich nach Hause fahren und stand an der Ampelkreuzung. Als Motorradfahrer bin ich an den anderen Fahrzeugen vorbei nach vorne an die Kreuzung gefahren, was nach StVO zwar bestenfalls grenzwertig gleichwohl nicht ganz ungewöhnlich ist. Jedenfalls stand ich vorn an der Kreuzung und hinter mir ein LKW, den ich gar nicht als Problem wahrgenommen habe. Dann sprang die Ampel auf grün. Normalerweise ist ein Motorrad ja schneller von der Ampel weg als ein LKW. Nun wollte ich aber nach rechts abbiegen und er wollte geradeaus fahren. Um es kurz zu machen: Der LKW-Fahrer hat mich überfahren. Er hat allerdings gemerkt, dass etwas unter seinem LKW ist, sodass er gleich stehen geblieben ist. So ist er glücklicherweise nur über meine Beine gefahren. Jedenfalls bin ich mit dem Motorrad umgekippt. Immerhin ein Bein hatte Glück, dass es zwischen Motorrad und Straße lag und so nur leicht verletzt wurde. Auf dem anderen Bein stand der LKW.

Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass mich der LKW-Fahrer bemerkt haben muss. Einerseits ist mein Motorrad nicht besonders leise und andererseits stand ich so weit vor ihm, dass er mich aus seinem Fahrerhaus gesehen haben muss. Manchmal sind Verkehrsteilnehmer ja leicht aggressiv. Und möglicherweise hat der LKW-Fahrer ein bisschen mit dem Gas- und Bremspedal gespielt, von dem er dann abgerutscht sein könnte.

 

Was denkt man in solch einer Ausnahmesituation?

 

Ronny Rehbein: Es gibt Gedanken, die im Nachhinein völlig deplatziert klingen. Und zum Teil realisiert man sie auch gar nicht so richtig. Klar, ich habe gemerkt, dass ein Unfall passiert ist! Ich dachte aber nur: „Man, was für ein Idiot. Ich wollte doch schnell nach Hause. Jetzt bringt der meinen ganzen Zeitplan durcheinander und ich muss wahrscheinlich ins Krankenhaus - überflüssigerweise.“ Ich habe nur den zusätzlichen Ärger gesehen.

Mit dem Unfall und möglichen Folgen habe ich mich kaum beschäftigt. Klar, ich hatte Schmerzen, habe aber nicht wirklich nach hinten sehen können, da ich mit dem Oberkörper und dem Gesicht auf der Straße lag. Ich war davon ausgegangen, dass das Bein vielleicht gebrochen ist und bin mit keinem Gedanken davon ausgegangen, dass etwas Ernstes oder gar Lebensbedrohliches passiert ist.

 

Den Unfall werden etliche Menschen mitbekommen haben. Wie ging es weiter?

 

Ronny Rehbein: Ich habe sehr lange noch ziemlich viel wahrgenommen. Ich bin Friedrichstraße / Ecke Unter der Linden – ein Tourihotspot in Berlin – verunglückt. Eine bessere Stelle gibt es für einen Unfall nicht (lacht). Ich habe schon geschrien, da es ziemlich weh tat. Es kamen also gleich Menschen zu mir, um mir zu helfen und um mir Wasser zu geben. Darunter war auch eine junge Frau, die in einem Café an der Ecke saß und auf Instagram sehr aktiv ist. Sie war quasi meine Ersthelferin, die sich später auch im Krankenhaus bei mir gemeldet hat. Wir haben uns nach meiner Entlassung getroffen und sie erzählte mir, wie man sich um mich gekümmert hat, dass irgendwann der Krankenwagen kam und die Feuerwehr, die den LKW anhob.

Die Sanitäter / Ärzte kümmerten sich um mich und zerschnitten meine Klamotten, um mir Zugänge zu legen. In dem Moment dachte ich nur: „Warum in Gottes Namen machen die meine Sachen kaputt?“ Irgendwann konnte ich meine Gedanken nicht mehr ordnen. Dann bin ich ins Krankenhaus gekommen und auch erst dort wieder aufgewacht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

komplizierter liegen. Ehrlich gesagt, wäre ich in dem Moment gern allein gewesen, ging es mir doch unmittelbar nach dem Verkünden der schlechten Nachrichten durch die Ärzte emotional nicht so gut.

 

Welche Optionen gab es für Sie dann noch?

 

Ronny Rehbein: Die Ärzte unterbreiteten mir schließlich folgende Optionen: entweder es bleibt bei der Unterschenkelamputation und sie operieren noch einmal, nur um die Wunde zu verschließen. Allerdings wird zu wenig Haut zur Verfügung stehen, sodass Haut transplantiert werden müsste. Das birgt verschiedene, nicht unerhebliche Risiken später im Alltag. Oder es wird am Oberschenkel amputiert, sodass dann auch das Kniegelenk weg ist. Ehrlich gesagt, war mir nicht klar, warum mir diese Option, die für mich keine Vorteile zur letzten Option hatte, angeboten wurde. Die dritte Option war eine „Knie-Ex“-Amputation. In diesem Fall ist zwar auch das Kniegelenk weg, allerdings werden der Oberschenkelknochen und die Kniescheibe vollständig belassen. Das war letztlich die Variante, für die ich mich mit Hilfe der umfangreichen und individuellen Beratung meiner Ärztin entschieden habe.

Psychologisch bedeutetet das allerdings, dass ich mich nach meinem Unterschenkel und Fuß nun auch noch von meinem Knie verabschieden musste. Daraufhin habe ich mir gleich Videos angesehen, um herauszufinden, welche technischen Möglichkeiten der Versorgung es gibt und was ich mit dieser oder jener Prothese von den Firmen Ottobock oder Össur noch alles machen kann. Auch hier wurde ich sehr gut durch Fachleute unterstützt, deren Einbindung gleich durch das Unfallkrankenhaus organisiert wurde. Eine Technikerin (um nicht zu sagen meine, denn sie ist es noch heute) hat mir die Welt der Prothetik nähergebracht. Dabei standen Fragen wie Beweglichkeit, Gangbild, Treppensteigen, Wassernutzung, Joggen, Fahrrad fahren, etc. im Raum. Das war dann also mein Hobby in dieser Zeit (lacht). Die Knie-Ex war außer ein paar Revisionen dann die letzte Operation.

 

Abseits der Operationen: wie sind Sie sonst noch betreut worden?

 

Ronny Rehbein: Sehr gut. Ich konnte mich darauf konzentrieren, zu genesen und zu erfahren, wie es weitergeht. Das Unfallkrankenhaus hat mir z. B. ein Peer organisiert, der schon amputiert war. Er konnte mir all die Fragen beantworten, die mir die Ärzte nicht beantworten konnten. Er konnte aber auch meiner Frau erklären, wie bestimmte Sachen funktionieren. Abgesehen davon, dass ich eine tolle Prothese bekam und mich wie ein Cyborg fühlte, waren die Gespräche sehr wichtig für mich. Die Betreuerin von der Berufsgenossenschaft hat mich besucht, die Psychologin kam wöchentlich, die Physiotherapeuten täglich – ich war regelrecht im Sozialstress und konnte nicht einmal in Ruhe Videos schauen (lacht).

Dann hatte ich im Oktober einen Rückfall. Die Infektion kam zurück. Das Knie wurde dick und musste aufgeschnitten werden, um den Druck herauszulassen. Es gab erneut Antibiotika, alle vier Stunden. Da meine Familie nur wenige Meter vom Krankenhaus entfernt lebt, hatte ich großen Wert darauf gelegt, dass ich auch weiterhin Zuhause bleiben durfte. Also habe ich versucht, die 24-Uhr-Dosis etwas früher zu bekommen und die 4-Uhr-Dosis ein bisschen nach hinten zu schieben – immer mit dem Wohlwollen der Krankenschwestern. Danach bin ich im Krankenhaus geblieben, habe wieder geschlafen und noch die 8-Uhr-Dosis bekommen. Es war mir wichtig, dass ich viel Zuhause bei meiner Frau und den Kindern sein konnte.

Apropos Kinder. Wir sind eine große Patchworkfamilie. Am Anfang - es waren Sommerferien – waren meine Kinder gerade bei der Mutter und unsere gemeinsame Tochter war noch zu klein, um zu realisieren, was passiert ist. So konnte ich mich erst einmal auf mich konzentrieren. Als meine Kinder dann endlich in meinem Krankenzimmer standen – ein emotional sehr schwieriger Moment – war mir wichtig, ihnen zu zeigen, dass ich noch da bin und ihnen auch noch den Marsch blasen kann (lacht).

 

Aus medizinische Sicht interessiert mich natürlich, was Ihre Genesung noch gefördert hat?

 

Ronny Rehbein: Ich hatte Glück, dass es ein Wegeunfall war, sodass mich die Berufsgenossenschaft sehr stark unterstützt hat. Sie haben sich um vieles Organisatorische gekümmert. So kam ich erst mit der tatkräftigen Unterstützung der BG nach zwei Wochen – eingeliefert wurde ich in das Vivantes-Klinikum – endlich in das Unfallkrankenhaus Berlin. Meine Frau musste auch nicht mehr eine Stunde durch die Stadt fahren und ich konnte mal eben rüber zu mir nach Hause. Viel entscheidender noch war aber die medizinische Versorgung. Ich war in der Bundesliga angekommen. Vorher war das höchstens dritte Liga.

Hier waren all die erforderlichen Spezialisten für eine Amputation und die weitere Versorgung. Der Betreuungsschlüssel war auch viel besser. Ich hatte ja den Vergleich zwischen zwei Krankenhäusern. Im Unfallkrankenhaus wurde sich viel besser um mich gekümmert. Dieses Gefühl auch nachts sofort Unterstützung zu bekommen, wenn man sie braucht. Das war beruhigend. Im anderen Krankenhaus war das eben nicht in dem Maße der Fall.

Ein weiterer positiver Aspekt war, dass ich privatversichert bin. Das eröffnete mir die Möglichkeit, endlich ein klimatisiertes Zimmer zu bekommen! Sie müssen wissen, nach zwei Wochen bei deutlich über 30 Grad Außentemperatur und am Bett gefesselt war das ein Segen, psychologisch und sicher auch medizinisch. Ein Zimmer, das wie ein Hotelzimmer aussah! Ein Zimmer mit einem großen Flachbildschirm und nicht so einer alten Kiste! Ein Essensangebot wie in einem Restaurant. Ich hatte Sorge, dass ich es nicht schaffe, alles zu probieren (lacht). Ich kann nur empfehlen, auch wenn man nicht entsprechend versichert ist, sich einen solchen Service zu leisten.

Jedenfalls bilde ich mir zumindest ein, dass diese Begleitumstände maßgeblich zu meiner Genesung beigetragen haben. 

 

 

„Sich darauf zu fokussieren, was alles funktioniert, hilft ungemein.“

~ Mit einer positiven Grundeinstellung geht Ronny Rehbein durch das Leben.

 

 

 

Was gab es noch für positive Begleitumstände?

 

Ronny Rehbein: Ich kann mich wirklich glücklich schätzen. Im Universum der Beinamputierten gehöre ich zu den sehr Glücklichen: nicht nur dass es ein Wegeunfall war und ich privat versichert bin, mein Zuhause war auch noch so nah am Klinikum und meine Narbe hat kaum Ärger gemacht. Ich bin insgesamt sehr zufrieden. So bekommst du von der Berufsgenossenschaft eine Rente, egal ob man arbeiten kann oder nicht. Bei meinem Job in der Bank musste ich nichts ändern. Ich konnte einfach da weiterarbeiten, wo ich aufgehört habe. Bei der Wiedereingliederung hatte ich Gespräche, bei denen wir zum Schluss nur über die richtige Höhe des Tisches und den optimalen Stuhl gesprochen haben. Solche Gespräche sind auch auch mit Zweibeinern sinnvoll.

Außerdem: Wenn du im Unfallkrankenhaus warst, weißt du, dass dich noch viel schlimmere Schicksale ereilen können. Dort siehst du Menschen, die halbseitig überfahren worden sind und Arm und Bein verloren haben oder einen hohen Querschnitt haben. Da ist eine Knie-Ex eher ein Kindergeburtstag.

 

Haben Sie für andere Betroffene einen Tipp, was die Einstellung anbelangt?

 

Ronny Rehbein: Ja, du musst positiv sein. Klar, ich weiß nicht, wie es in einem parallelen Leben ohne Amputation gelaufen wäre. Aber sich darauf zu fokussieren, was alles funktioniert, hilft ungemein.

Mir hat es auch extrem geholfen zu erzählen, was alles noch oder sogar besser geht. Ich habe mir gesagt, dass ich auf die nächsten vierzig, fünfzig Jahre hin regelmäßig das beste Kniegelenk bekomme, das es auf dem Markt gibt. Aktuell ist es zwar noch schlechter als das Original, aber das verändert sich. Alle anderen bekommen mit der Zeit immer mehr Schmerzen und Probleme mit ihrem Kniegelenk. Mit sechzig Jahren ist mein Kniegelenk dann viel besser als das der anderen (lacht).

Anfänglich hatte ich mich auch darauf gefreut, einen Behindertenparkausweis zu bekommen und in Berlin nie wieder einen Parkplatz suchen zu müssen. Leider musste ich dann feststellen, dass ich zu mobil bin, als dass das geklappt hätte (lacht).

Auch mit meinen Kindern habe ich überlegt, was mit der Prothese jetzt alles cooler wird und welche Dinge blöder sind – wir haben uns natürlich auf die coolen Dinge konzentriert. Mein Sohn hat z. B. gesagt: „Wenn Du jetzt Fußball spielst, Papa, und Dich jemand foult, hast Du keine Schmerzen, aber der andere hat richtig Schmerzen.“ (lacht) Das hat auch ihm geholfen.

Das waren so Gedanken und Überlegungen, um sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren. Sich neben all den blöden Dingen auf das zu konzentrieren, was gut ist und was vielleicht sogar besser ist, das hilft. Allen anderen Betroffenen kann ich nur raten, es auch so zu sehen. Aber ich hatte eben auch tolle Rahmenbedingungen.

 

In wieweit hat sich das nachfolgende Leben durch den Unfall verändert?

 

Ronny Rehbein: Es gibt da schon einen Unterschied, der mir sofort aufgefallen ist. Ich gehe mit meiner Prothese sehr offen um. So trage ich im Sommer ich z. B. kurze Hosen. Es ist abgefahren, wie dich die Menschen ansehen, gar nicht mal negativ. Ich habe das mal damit verglichen, wenn sich Männer nach Frauen in schicken Kleidern umdrehen – sie schauen erst, drehen sich zurück, um nicht gesehen zu werden und schauen dann doch hin. Genauso habe ich mich gefühlt! Die kleinen Kinder, die sich nicht darum scheren, nicht ertappt zu werden, haben ihre Münder nicht mehr zu bekommen. Das war nicht schlimm, aber sehr faszinierend. Auch heute erlebe ich das noch ziemlich oft: beim Joggen, beim Baden, in der Sauna.

 

Sie sprechen sehr positiv über die Veränderungen. Gibt es auch wirkliche Einschränkungen?

 

Ronny Rehbein: Klar gibt es die. Aber nichts Weltbewegendes. Knie-Ex heißt z. B., dass dein Kniegelenk am Ende des Oberschenkels aufsitzt und damit tiefer liegt, als dein anderes. Das ist ein bisschen blöd, wenn ich kniee.

Anfänglich funktionierte rennen nicht. Aber schon im März 2019 wurde eine Sportprothese für mich angefertigt. Es war ein tolles Gefühl, wieder richtig zu rennen. Die einzige Einschränkung, die blieb, ist, dass wenn meine Tochter z. B. Fahrradfahren lernt, ich nicht der Retter sein kann, der hinter ihr herrennt. Mit meiner Alltagsprothese kann ich keinen 10m-Sprint hinlegen, dafür brauche ich die Sportprothese.

Schwimmen ist ohne Prothese besser, weil die Prothese sonst wie ein Klotz wirkt. Du musst also vorher wissen, ob du schwimmen willst – ohne Prothese – oder ob du mit den Kindern toben willst – mit Prothese. Ich plane auch, an einem Triathlon teilzunehmen. Blöd ist nur, dass mir jemand nach dem Schwimmen die Prothese an den Übergabepunkt bringen muss.

Ich kann nicht mehr so richtig tanzen. Das habe ich vorher aber auch nicht viel gemacht. Jetzt habe ich eher eine Ausrede gegenüber meiner Frau (lacht). Allerdings war ich häufig auf Heavy-Metal-Konzerten und war vorne im Moshpit mit dabei. Da war ich am Anfang schon ein wenig traurig, dass ich dort nicht mehr dabei sein kann. Aber was soll ich sagen? Das geht auch halbwegs! Man kann sich bewegen, man kann springen – nicht ganz so super wie vorher, aber es geht. Zumal die anderen Menschen auch Rücksicht nehmen.

Ich muss schon echt überlegen, ob es richtige Einschränkungen gibt. Wenn die Stufen einer Treppe kurz und hoch sind wird es herausfordernd, normal (also im Wechselschritt) die Treppe hochzukommen. Oder wenn ich meine Tochter im Arm habe und sie die Treppe hochtragen muss.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie sind Sie denn überhaupt zum Amputierten-Fußball gekommen?

 

Ronny Rehbein: Auch hier ein Dank an das Unfallkrankenhaus! Meine Ärztin, die sich im Rundumsorglos-Paket um mich gekümmert hat, hat einmal im Jahr eine große Konferenz in Berlin, bei der sich Ärzte, Therapeuten, Techniker, Betroffene, und und und austauschen. Letztes Jahr hat dort z. B. eine Unterschenkelamputierte getanzt, also richtig getanzt, und gezeigt, dass das noch geht. Dort war auch Christian Heintz vom Amputierten-Fußball, der mich für den Fußball wieder begeistert hat.

Aktuell gibt es in Berlin leider noch keine Mannschaft, aber es gibt Bemühungen. So habe ich bislang nur an einem Training teilgenommen. Sobald ich aber hier in Berlin spielen kann, bin ich richtig dabei. Meinen Arbeitgeber, die DKB, habe ich auch angefixt, um den Amputierten-Fußball bestenfalls in Berlin zu unterstützen.

Übrigens spielt nur eine sehr überschaubare Anzahl an Menschen in Deutschland aus nachvollziehbaren Gründen Amputierten-Fußball. Und es gibt eine Nationalmannschaft, die auch internationale Meisterschaften spielt. D. h., dass wenn du halbwegs gut bist,  kannst du vielleicht deine gedanklich schon lange ad acta gelegte Nationalmannschaftskarriere doch noch starten – ein spätes Glück (lacht).

 

Was ist beim Amputierten-Fußball gerade für Anfänger besonders anstrengend?

 

Ronny Rehbein: Vor und nach dem Unfall habe ich schon viel Sport gemacht. Im Bein hatte ich nach dem Probetraining also keinen Muskelkater. Vielleicht bin ich bis dorthin auch gar nicht gekommen, weil es an dem Tag sehr heiß war.

Wir haben an dem Tag nach zwei Stunden Techniktraining noch drei Spiele a neun Minuten gespielt – neun Minuten mit Krücken über den Platz bei 30 Grad zu rennen, ist schon eine Herausforderung. Was ich dann festgestellt habe, waren die blauen Flecke durch die Krücken und schwere Arme. Fußball auf Krücken ist also schon eine andere, eine ungewohnte Beanspruchung. Durch Training und Tipps kann ich da aber sicherlich noch viel verbessern.

 

Wir drücken die Daumen, dass auch in Berlin eine Amputierten-Fußballmannschaft entsteht und vielleicht klappt es ja, dass Sie auch noch Nationalspieler werden.

 

Bildquelle: Sandra Rehbein und Christian Heintz

Das Interview führte Katharina Tscheu.

 

 

 

 

 

 

Ronny Rehbein

Nach der Arbeit nur schnell mit dem Motorrad nach Hause und die Sonne genießen – das war der Plan von Ronny Rehbein. Doch er hat es nicht mehr bis nach Hause geschafft. Vorher hatte der begeisterte Motorradfahrer einen Unfall mit einen LKW – mitten in Berlin. In Folge des Unfalls wird sein Unterschenkel amputiert. Aufgrund einer bakteriellen Infektion kommt es schließlich sogar zu einer Knieexartikulation. Dabei werden nur die Weichteile des Kniegelenks durchtrennt und der Oberschenkelknochen bleibt vollständig erhalten. Auch die Kniescheibe bleibt bestehen. Auf diese Art und Weise ist das Stumpfende nach der Amputation voll belastbar und auch die Oberschenkelmuskulatur können Betroffene weiterhin nutzen. Ein weiterer Vorteil gegenüber einer Oberschenkelamputation besteht darin, dass Druckstellen durch die Prothese seltener auftreten und der lange Stumpf für sehr gute Hebelverhältnisse sorgt. Durch den langen Stumpf fällt lediglich die Prothese schneller ins Auge.

 

Im Gespräch berichtet uns der Neuling im Amputierten-Fußball von seiner Zeit im Krankenhaus und seinem positiven Umgang mit der Prothese.

Ronny Rehbein
Ronny Rehbein

Was ist danach aus medizinischer Sicht alles passiert?

 

Ronny Rehbein: Erst später habe ich erfahren, dass mein Unterschenkel noch vom LKW vor Ort ‚amputiert‘ worden ist. Die Knochen waren beide schon vom LKW durchtrennt worden. Das Problem war aber vor allem, dass ich relativ viel Blut verloren habe. Viel länger hätte ich nicht auf der Straße liegen können.

In diesem Zusammenhang: Ich finde es schade, dass ich mich nicht mehr von meinem Bein verabschieden konnte. Das klingt vielleicht ein bisschen makaber. Aber ich glaube, es hätte mir im ersten und zweiten Moment danach geholfen, mich mit der Situation zu arrangieren. So war es einfach irgendwo entsorgt worden.

Der Sommer 2018 war extrem heiß und ich glaube, dass es die kommenden Folgen begünstigt hat. Es gab nämlich Komplikationen, da zwei Bakterienarten – ‚aufgesammelt‘ auf der Straße – in der Wunde nachgewiesen worden sind, die richtig Ärger gemacht haben. Man musste noch mehrere Male, am Ende des Tages waren es ca. 15 Eingriffe, operieren. Es handelte sich zwar überwiegend um Revisions-OPs, einige Male wurde allerdings auch noch nachamputiert.

Ich realisierte, wenn die Bakterien nicht aufgehalten werden, passiert noch viel mehr.

Ca. 3 Wochen nach dem Unfall und einem Wechsel des Krankenhauses – bis dato hatte ich immer noch die große Hoffnung, dass es bei einer Unterschenkelamputation bleibt – standen dann schließlich fünf Ärzte in meinem Zimmer, um mir zu sagen, dass die Dinge aufgrund der Infektionen

Sie sprachen vorhin schon kurz den Fußball an. Wie sieht es damit aus?

 

Ronny Rehbein: Fußball geht nur stark eingeschränkt, außer du spielst Amputierten-Fußball, wozu ich erst vor Kurzem gekommen bin. Ich habe dort erst festgestellt, dass ich das mit Krücken machen muss. Ich hatte Sorge, dass ich das aus den Oberarmen raus gar nicht schaffe (lacht).

Ich bin also noch Anfänger. Im August 2020 habe ich es zum ersten Mal ausprobiert. Aus fußballerischer Sicht habe ich das falsche Bein – nämlich das rechte – verloren. Es geht aber auch mit links. Insgesamt fühlte ich mich ganz gut bei der Sache. Gegenüber den routinierten Fußballern habe ich noch ordentlich Nachteile in der Geschwindigkeit.  Letztlich geht also auch Fußball.